Thesen Sektor 1

DETLEF POLLACK

  1. In modernen, hoch ausdifferenzierten Gesellschaften kann sich Kirche nicht mehr als sozial oder persönlich notwendige Institution anbieten. Deshalb muss sie heute mehr als früher, als ihre Notwendigkeit noch unbestritten war, darüber nachdenken, inwieweit sie von den Menschen als hilfreich erfahren werden kann. Mehr und mehr Menschen kommen ohne Religion aus, ohne die Beantwortung letzter Fragen, ohne höchste Gewissheiten. Welche Rolle kann Kirche in einer Gesellschaft spielen, in der die Nachfrage nach religiöser Sinnstiftung mehr und mehr zurückgeht? Liegt der Rückgang der Kirchenbindung tatsächlich, wie vielfach angenommen, im mangelhaften kirchlichen Angebot oder nicht auch und vielleicht noch viel mehr in der zurückgehenden religiösen Nachfrage?
  2. Religion und Kirche können ihre Nützlichkeit nur begrenzt plausibilisieren. Wozu ein Kindergarten da ist, weiß man. Wofür ist die Kirche gut? Der Glaube? Für die Teilnahme an religiöser Kommunikation bedarf es mehr und mehr nur noch religiöser Motive. Für kirchliches Handeln kommt es daher zunehmend auf die Verinnerlichung christlicher Überzeugungen und Praktiken an (und dies möglichst schon im Kinder- und Jugendalter), denn um religiöse Sinnformen für bedeutsam halten zu können, muss man bereits in ihnen leben. Christlicher Glaube ist nicht eine Sache, auf die man sich einlässt, weil sie einem nützt. Umgekehrt: Erst wenn man sich auf ihn eingelassen hat, kann man die Erfahrung machen, dass er hilfreich ist.
  3. Eine Haltung der Selbstbegrenzung, der Demut und Bescheidenheit steht der Kirche aufgrund ihrer Botschaft gut an. Sie legt sich aber auch aus religions- und kirchensoziologischer Sicht nahe, denn die Kirche wird aufgrund ihres staatskirchlichen Erbes von vielen noch immer als autoritär, staatsnah und privilegiert wahrgenommen, als eine quasi-staatliche Herrschaftsinstitution, die nicht auf der Seite des Volkes stehe, sondern auf der der Obrigkeit. Der Missbrauchsskandal und die öffentliche Diskussion des Umgangs der Kirche mit diesem Skandal haben zu einem starken Glaubwürdigkeitsverlust geführt, dem die Kirche nicht durch Selbstrechtfertigung begegnen kann. Nur das aufrichtige Bekenntnis von Schuld, die Bereitschaft zu Buße und zur Umkehr können hier weiterführen. Das Wichtigste, dessen die Kirche heute bedarf, ist ein neues Vertrauen der Menschen.
  4. Wenn sich der Glaube mit anderen Interessen – politischen, ökologischen, sozialen Interessen oder auch mit Freizeitinteressen oder Interessen der Körpertherapie und des well-being – verbündet, gewinnt er oft eine besondere Kraft. Die Gefahr besteht darin, dass er von den anderen Interessen aufgesaugt wird und in ihnen untergeht.
    Die Reform der Kirche ist immer und immer wieder erforderlich. Wirksam wird sie vor allem dann sein können, wenn sie aus dem inneren Kern der Kirche kommt, aus der Theologie, der liturgischen Praxis, der sakramentalen Erfahrung, der Bibel­lektüre. Inwieweit die Demo­kra­ti­sie­rung der Kirche erfolgreich zu sein ver­mag, ist daher fraglich. Sie könnte es nur dann sein, wenn es für sie gute theologische Gründe gibt.

MARLIESE KALTHOFF

  1. Raus aus der Deckung. Ohne eine kon­sequente und zügige Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und einen glaub­wür­di­gen Haltungswechsel wird die Kirche keine Bedeutung in der Gesell­schaft zurückgewinnen.
  2. Raus aus der Selbstreferenz: Es geht nicht um die Wiederkehr des ewig Hoff­nungs­losen, sondern eine erlebbare Ver­trauens­kultur, die Raum zur Entfaltung bietet.
  3. Hin zur Sinnstiftung. Orientierung in Zeiten, in denen Gesinnung vor Haltung, Verschwörung vor Ratio und Gruppenzwang vor Unabhängigkeit steht, wird allenthalben gesucht. Kirche besitzt die Riesenchance, Widersprüche wahrzunehmen und zeitgemäße Reflexionen in der Moderne anzubieten.

MATTHIAS DROBINSKI

  1. Die katholische Kirche in Deutschland wird nicht untergehen, aber absehbar und unausweichlich an Mitgliedern und Finanzkraft verlieren, an öffentlicher Bedeutung und Bedeutung für das Leben der Menschen, an kultureller Durch­dringungs­kraft. Dies allein schon durch den grundlegenden Wandel der religiösen Landschaft und die demographische Entwicklung. Hinzu kommt der dramatische Glaubwürdigkeitsverlust durch den noch lange anhaltenden Skandal der sexualisierten Gewalt und des geistlichen Missbrauchs.
  2. Die katholische Kirche steht deshalb vor einem dramatischen inneren Wandlungs- und Entscheidungsprozess. Er beginnt beim Wandel der Gottesbilder, der Infragestellung christlicher Grund­aus­sagen wie der Auferstehung Jesu oder dem ewigen Leben. Er geht über die Frage des kirchlichen Selbst­bil­des, wie viel Freiheit, Autonomie, Teilhabe die Gläubigen an der Kirche und ihren Ämtern (welchen Ämtern?) haben, welches Lehramt und wie viel weltweite Gemeinschaft es gibt – bis hin zu Fragen der Organisation, der Zahl der Pfarreien und Hauptamtlichen, der Bedeutung kleiner Gruppen fürs Weiterleben und Weitergeben eines Glaubens.
  3. Die katholische Kirche kann sich als Konsequenz aus diesen Entwicklungen auf den eigenen, identitären Binnenraum konzentrieren, in teils polemischer, teils elitärer Abgrenzung vom „Mainstream“, mit volkskirchlich-volksfrommen Kreisen unterschiedlich intensiver Zugehörigkeit als Basis. Näher am Evangelium aber wäre, die neue Rolle als Minderheit im Volk in anderer Weise anzunehmen: als eine Kirche, die das Gottesgerücht weiterträgt, im Bewusstsein, die Wahrheit nicht zu besitzen. Die Anwältin der Armen und Schwachen ist und Orte anderen, solidarischen Lebens bietet. Die aus ihrem Glauben heraus Zweifel sät gegen alle Absolutheitsansprüche und Selbstvergottungstendenzen. Die einen freien und befreienden Glauben lebt.

GERHARD WEGNER

  1. Seit vielen Jahrzehnten hat sich die evangelische Kirche immer weiter für die Lebenswelt der Menschen geöffnet. Damit konnte jedoch die sich ver­­stär­kende „Entbettung“ des Christlichen aus der Gesellschaft nicht mehr eingeholt werden. Kultur und Soziales glauben, die Kirche nicht mehr zu brauchen und kleiden die Christen nicht mehr ein. Sie sind nackt und schämen sich.
  2. Der Kipppunkt dieses Entbettungs­pro­zesses des Christlichen war bereits vor etwa zwei Generationen unter dem Titel des „Traditionsabbruchs“ präsent: der Glaube wurde nicht mehr von einer Generation auf die nächste weiter­gegeben. Die in den fünfziger Jahren wieder „natürlich“ gewordene Reproduktion der Kirche begann auszusetzen. Die Folge ist heute keine Ablehnung, sondern schlimmer: eine Indifferenz gegenüber Kirche und Glauben.
  3. In dieser Situation dreht sich die Perspektive: Christlicher Glaube und Kirche beginnen die herrschenden sozialen und kulturellen Werte, unter denen sie leiden, herauszufordern und wecken so möglicherweise Interesse an „anderen“, religiösen, Lebensformen. Sie tragen nicht mehr die Last der Integration der Gesellschaft und werden so frei dafür, endlich vollkommen sie selbst zu sein. Der Ausgang dieser Entwicklung ist völlig offen.